Hunderte Kinder und Jugendliche sitzen versammelt in der Eissporthalle am Place Pury in Neuchâtel und entführen einander in die vielseitige Welt der Chormusik – von bombastischen Eurovision-Songs über afroamerikanische Spirituals bis hin zu ukrainischer Volksmusik.
2015 war das Jahr, als ich zum ersten Mal mit der Domsingschule St. Gallen am SKJF teilgenommen hatte – als schüchterner Vierzehnjähriger, der mitten im Stimmbruch steckte und unheimlich mit den tiefen Tönen der Männerstimme zu kämpfen hatte. Dennoch war das Festival eine unvergessliche Erinnerung. Etwa tausend Menschen aus der ganzen Schweiz, die alle dieselbe Leidenschaft teilten, kamen in einer riesigen Halle zusammen, um gemeinsam das Musical Die Absolute Melodie zu singen.
Jetzt, 9 Jahre später, nehme ich wieder am SKJF teil – diesmal als erwachsener Mann, der zwar immer noch nicht wirklich tief singen kann, aber schon um einiges weniger schüchtern ist. Und als ich am Donnerstag, 9. Mai, in Neuchâtel ankomme, stelle ich glücklich fest, dass sich am Geist des SKJF nichts geändert hat. Am Bahnhof und auf den Plätzen herrscht Musik, es wuseln Jungen und Mädchen aller Altersgruppen herum, die sich vor Vorfreude kaum halten können. Selbst die Spiele und Tänze, welche am Seegespielt werden – von Footlose bis Big Fat Pony – sind immer noch dieselben wie damals.
Am Donnerstagabend findet das zweite Festivalkonzert in der Eissporthalle am Place Pury statt. Die Festivalkonzerte sind die Orte, an denen alle teilnehmenden Chöre sieben Minuten Zeit haben, sich vor dem gesamten Festival zu präsentieren – man muss sich also sehr gut überlegen, welche Stücke man dort singen möchte. Wir entscheiden uns für drei etwas stimmungsvollere Stücke: einen Disney-Song, einen irischen Folksong und Ivo Antogninis Ode an die Berge Quasi un incanto, welche sich schon fast zur SJC-Hymne entwickelt hat. Auch an den folgenden Abenden gibt es Festivalkonzerte, welchen wir als Publikum beiwohnen, um die vielseitigen Darbietungen zu bestaunen – von den Solothurner Singknaben, die eine mitreissende A-Cappella-Version des ESC-Songs The Code singen, bis hin zum Jugendchor Beider Basel, welcher die Halle mit Rudolf Mauersbergers Stück über die Zerstörung Dresdens zu Tränen rührt, ist alles dabei. Auch die Domsingschule St. Gallen macht selbstredendmit, und auch wenn ich im Schweizer Jugendchor sehr glücklich bin, werde ich doch etwas wehmütig, wenn ich sehe, was mein ehemaliger Chor mal wieder für eine energische Performance und umwerfende Choreografie präsentiert.
Zwischen den Darbietungen tritt ein weiteres Element meiner damaligen SKJF- Erinnerung hervor, das sich glücklicherweise nicht geändert hat: Dominique Tille. Der westschweizer Dirigent und Sänger leitet das offene Singen mit dermassen viel Elan und Persönlichkeit, dass man eifach nicht kann, als die Lieder, die er uns beibringt, ausganzem Herzen mitzuschmettern. Doch so schnell wie das Wochenende kommt, so schnell verschwindet es auch wieder. Am Samstagabend stimmen wir noch ein letztes Mal mit Dominique Tille die Hymn to Freedom von Oscar Peterson an, bevor die Präsidentin Vreni Winzeler unter tosendem Applaus die Schlussverdankungen durchführt. Und wie immer sitzt man nach diesem langen, intensiven Wochenende im Zug, man ist erschöpft, etwas wehmütig – aber auch hoffnungsvoll, denn in zwei Jahren geht es ja bereits wieder an einen neuen Ort. Und so hoffe ich, dass dieses Festival noch viele Male stattfinden, und noch viele weitere Kinder musikalisch und menschlich in den Bann ziehen kann, so wie es mich vor neun Jahren erstmals in den Bann gezogen hat.
Moritz Lieberherr, Tenor 1