Am 20. und 21. Oktober wurde die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven in der Pauluskirche Zürich aufgeführt. Der Schweizer Jugendchor sang gemeinsam mit dem PreCollege Orchester der Zürcher Hochschule der Künste mit zahlreichen Gästen in einer nie dagewesenen Grösse.
Der 4. Satz von Beethovens 9. Sinfonie ist ein Werk der Extreme. Schillers "Ode an die Freude" wird mit einer beispiellosen und sich stets steigernden Überschwänglichkeit vertont – die Pauken donnern, die Blechbläser röhren und die Streicher dürften sich angesichts der extrem schnellen Linien nicht selten einen Krampf im Handgelenk holen. Auch der Chor kommt in diesem Spektakel nicht zu kurz. Von den 355 Takten, die man zu singen hat, stehen 288 im forte oder fortissimo, was bedeutet, dass man 82 % der Zeit laut oder sehr laut singt. (Ja, ich habe das gezählt. Mir war auf der Hinfahrt zum Konzert etwas langweilig.) Und so sehr man sich an den mitreissenden Rhythmen und eingängigen Melodien erfreut, so muss man als Sänger*in, besonders wenn man das Stück über längere Zeit probt, doch sehr vorsichtig sein, damit man am Ende des Tages noch sprechen kann.
Da wir für dieses Projekt sehr viele Leute benötigten, wurde in zahlreichen Chören und Schulen monatelang eifrig Werbung dafür gemacht, sodass wir am Projektstart einen Chor von rund 100 Leuten zusammengestellt hatten – ein bunter Haufen, zusammengewürfelt aus allen Ecken der Schweiz. (Na gut, die allermeisten kamen aus Zürich.) Als langjähriges Mitglied des Schweizer Jugendchors stellte ich mir die Frage, wie Leute, die zum ersten Mal mitsingen, das Projekt erleben. Und so kam ich ins Gespräch mit der Sopranistin Lioba Lieb aus Zürich, die früher viel in Popchören gesungen hat und seit einiger Zeit im Jungen Chor Zürich (JUCHZ) aktiv ist. "Der Fokus ist sehr stark auf der Gesangstechnik, mehr als in anderen Chören", so Lioba über die Probearbeit von SJC-Dirigent Nicolas Fink. "Er gibt sehr wertvolles und prägnantes Feedback. Man spürt aber auch eine gewisse Strenge – manchmal wiederholt er eine Stelle sehr oft, weil er noch nicht ganz zufrieden ist. Zum Glück lobt er uns aber auch, wenn wir etwas gut machen."
Eine, die in diesem Projekt völlig neu in die Welt des Chorsingens getaucht ist, ist Fabienne Buchmann (Alt) aus Wädenswil. Trotzdem kommt sie in der Probe sehr gut mit. "Besonders das Einsingen habe ich sehr geschätzt. Ich habe in diesen zwei Wochen merkliche gesangliche Fortschritte gemacht."
Zum Mittagessen versammelte man sich draussen auf den Bänken und nutzte die Gelegenheit, sich etwas auszutauschen und herauszufinden, wer diese Leute, neben denen man soeben den ganzen Vormittag gesungen hat, eigentlich sind, woher sie kommen, und wohin sie gehen. Nicht unerwähnt bleiben sollte ausserdem der Samstagabend, an dem das hochgeschätzte Sozialkomitee des Chores ein Pubquiz organisierte – ein freudiges Erlebnis, das den Teamgeist der Truppe stärkte.
Am 19. Oktober hatte der Chor den nächsten Schwierigkeitsgrad zu meistern, denn nun mussten wir uns nicht nur gegen eine dezente Klavierbegleitung, sondern ein mittelgrosses Sinfonieorchester beweisen. Und so sehr wir über die Kraft und Virtuosität des PreCollege-Orchesters der ZHdK staunten, so mussten sich die Instrumentalist*innen doch an einigen Stellen etwas zurückhalten, damit der Chor auch noch in den hinteren Reihen der Kirche zu hören war.
Dennoch hatten wir, besonders, als dann die Gesangssolist*innen dazukamen, unsere helle Freude daran, wie das wuchtige Stück langsam Form annahm. Geleitet wurden die Endproben von Marc Kissóczy, welcher auch das Konzert dirigierte.
Am Abend fand schliesslich die erste Aufführung statt. Wir kamen um 19.30 Uhr auf die Bühne, durften aber vor dem Singen noch etwa 45 Minuten lang einer anderen sehr schönen Tätigkeit frönen: Dasitzen und still sein. Gebannt hörten wir zu, wie das PreCollege-Orchester die ersten drei Sätze der Sinfonie in all ihrer Wucht und Dramatik meisterte. Nicht wenige unter uns kannten das Werk bereits aus vergangenen Projekten und mussten sich sehr zusammenreissen, um die mitreissenden Melodien nicht mitzupfeifen. Ein unüberhörbar dramatischer Akkord gab uns schliesslich das Zeichen, aufzustehen. Und so gingen wir für die nächsten 20 Minuten in Wechselspiel mit dem Soloquartett auf eine Reise durch euphorische Freudenklänge, aber auch sphärische, schimmernde Passagen, die die Weiten des Himmelreichs darstellen, und einen Männerchorteil mit Marschcharakter und gefährlichem Ohrwurmpotenzial.
Wie war dieses Erlebnis für Leute, die zum ersten Mal mitsingen? "Etwas schnell vorbei", sagt Fabienne Buchmann. "Ich hatte grossen Spass dabei und bin richtig in die Musik eingetaucht. Ich war fast ein wenig traurig, als das Stück zu Ende war. 'Schade, jetzt geht's wieder zurück ins normale Leben', dachte ich mir." Auch Lioba Lieb kommentiert die Erfahrung mit grosser Freude, auch wenn sie gelegentlich etwas zu kämpfen hatte. "Die Melodien sind zwar nicht schwierig, aber konstant in einer sehr hohen Lage geschrieben. Gegen Ende musste ich einmal aussetzen, um mich zu erholen." Ich konnte sie beruhigen, dass auch eingefleischte Sänger*innen des Schweizer Jugendchors von dieser Praxis Gebrauch machen.
Am Samstagabend versammelten wir uns im Kirchgemeindehaus Paulus, um das gelungene Konzert mit Weisswein, Snacks und ein paar A-cappella-Volksliedern zu feiern. Obwohl dieses Projekt nur sehr kurze Zeit dauerte, war es doch ein unvergessliches Erlebnis, und auch wenn es den Chor in dieser Konstellation wohl so bald nicht mehr geben wird, hoffe ich doch, dass einige Bekanntschaften das Projekt überdauern werden.
Moritz Lieberherr, Tenor 1