«Requiem aeternam dona eis, Domine» - «Gib ihnen ewige Ruhe, Herr». So lauten die ersten Worte der traditionellen Totenmesse im 18. Jahrhundert, die W.A. Mozart in seinem «Requiem» zu Musik verarbeitete. Der Schweizer Jugendchor wird diese am 5. Mai 2024 gemeinsam mit der Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung von Manfred Obrecht im Casino Bern zur Aufführung bringen. Doch was haben uns diese alten Worte heute noch zu sagen?
1791 erhielt Wolfgang Amadé Mozart von Franz Graf von Wildegg, einem wohlhabenden Musikliebhaber, den Auftrag, für die Totenmesse der jung verstorbenen Gräfin die liturgischen Texte zu vertonen. Die ersten Textzeilen waren dabei namensgebend für die ganze Messe, die traditionell als Eucharistiefeier im Gedenken an die Verstorbenen gefeiert wurde. Mozarts Requiem war also nicht in erster Linie für den Konzertsaal sondern für den liturgischen, kirchlichen Kontext gedacht. Der Text greift Emotionen der Hinterbliebenen auf. Die Angst um das Wohlergehen der Verstorbenen (und der Betenden selbst) beim Jüngsten Gericht, welches im damalig weit verbreiteten Gottesbild selbstverständlich war, steht in der Totenmesse immer wieder im Vordergrund: «Trag sorge zu meinem Ende» (Confutatis), «Rette mich, du Urquell der Gnade» (Rex tremendae), «Verdirb mich nicht an jenem Tage» (Recordare) und weiteren Textstellen. Der Tod als der Moment, in dem sich alles verändert, nicht mehr klar ist, wie es weitergeht und dafür gebetet wird, dass dieses «Weitergehen» auf gute Weise geschieht. Das Jüngste Gericht, welches beispielsweise im zweiten Satz der Sequenz, im Tuba mirum beschrieben wird, lässt sich dabei als die damalige Antwort auf die sichtbare Ungerechtigkeit in der Welt verstehen. Nebst der Angst vor dem Urteil über den persönlichen Lebenswandel tritt darin ein urmenschliches Bedürfnis nach Gerechtigkeit zu Tage. Nach der Hoffnung, dass Leid, Kriege und Unterdrückung nicht einfach unvergolten stehen bleiben, gerade auch in Situationen, auf die sich nicht direkt Einfluss nehmen lässt. Dies ist eine Sehnsucht, die wir wohl auch heute noch in uns tragen.
Das Gottesbild der damaligen Zeit hat sich in den letzten Jahrhunderten verändert. Unter anderem auch, weil viele Menschen damit klein gemacht wurden und zuviele Machtinteressen im Vordergrund standen. Doch im Grunde verbergen sich in den damaligen Gebeten Fragen, an die sich auch in der heutigen Zeit anknüpfen lassen. Der «Tod» muss sich dabei nicht nur auf das Ende des Lebens beziehen. Was wird sein, wenn alles mal nicht mehr so weiter geht wie bisher? Wenn Erwartungen, Träume, Lebensentwürfe «sterben»? Wenn ich meine Stelle verliere, Beziehungen auseinanderbrechen, Krankheiten Veränderungen fordern? Was geschieht, wenn ein Moment kommt, in dem ich das Leben nicht mehr im Griff habe? In der Bitte um ewige Ruhe («Gib ihnen ewige Ruhe, Herr» (Requiem)) und um den Übergang ins Ewige Leben («Gib, dass sie, Herr, vom Tod hinübergehen ins Leben» (Hostias)) steckt die Reaktion auf diese Fragen. Es ist der Wunsch und die Hoffnung, dass die Situation, in der alles zusammenbricht, nicht das Ende ist, sondern wieder ein ruhiger Boden, Lebensfreude und Lebendigkeit wachsen können.
Diese Hoffnung wird für die Menschen zu Mozarts Zeit unter anderem dadurch gestärkt, dass sie sich bewusst machen, dass bereits zuvor viele Generationen mit ähnlichen Fragen, wenn vielleicht auch in veränderter Form, gerungen haben. «Befreie sie aus dem Rachen des Löwen (…), wie du einst Abraham verheissen hast und seinem Samen», heisst es im ersten Teil des Offertoriums. Der Stammvater Abraham und seine Nachkommen stehen dabei sinnbildlich für die vergangenen Generationen. Unser Leben in einem grösseren Kontext zu sehen, kann eine grosse Kraft haben. Nicht, weil dadurch die eigenen Schwierigkeiten gelindert oder verniedlicht werden sollen. Doch zu sehen, wie (bereits verstorbene) Menschen mit Schwierigem umgegangen sind und wie sich ihr Leben und ihre Schwierigkeiten dadurch verändert haben, kann Zuversicht wecken, dass auch die eigene Situation die Möglichkeit in sich birgt, sich zu verändern.
Wie begegnen wir schwierigen Aspekten des Lebens? Was löst es aus, uns bewusst zu werden, dass unser Handlungsspielraum und letztlich unsere Lebenszeit begrenzt sind? Das Mozart-Requiem zeigt in seinem traditionellen Text eine Weise auf, wie Menschen versucht haben einen Weg mit diesen Fragen zu gehen. Vielleicht kann es uns ermutigen, auch unseren eigenen Fragen nicht auszuweichen, sondern uns mit ihnen auseinanderzusetzen. In der Hoffnung, dass das Leidvolle nicht das letzte Wort hat.
Selina Matile, Alt 2
Quellen:
Übersetzung Requiemtexte
Christoph Wolff, “Vorwort” in: «Mozart Requiem KV 626», Bärenreiter-Verlag Karl Vötterle GmbH & Co. KG, Kassel 20171
https://de.wikipedia.org/wiki/Requiem (13.4.24) 3