Ich möchte euch mitnehmen an unser internes Probewochenende und euch einen Blick hinter die Kulisse gewähren. Ein Probewochenende kann für mich gerne mit folgender Nachricht auf WhatsApp beginnen: «Bonjour zusammen, Qui est auf le train 8.04 von Fribourg nach Zürich? Wir sind dans le Wagen numéro trois.» Es ist immer schön, bereits im Zug die ersten vertrauten Gesichter zu sehen. Wie ihr merkt, leben wir die Mehrsprachigkeit nicht nur musikalisch, sondern auch im Alltag – und das mit vollem Stolz! Wir reisen aus der ganzen Schweiz an, genauer gesagt aus 19 verschiedenen Kantonen. Unser Ziel? Eines Tages Mitglieder aus möglichst allen Kantonen in unserem Chor willkommen zu heißen!
Angekommen bei der Kirche St. Franziskus, beginnt das grosse Wiedersehen mit vielen Umarmungen und dem Austausch der neuesten Geschichten. Gemeinschaft! Das ist ein Begriff, der unseren Chor besonders gut beschreibt. Als ich meine Kolleg*innen für die Vorbereitung dieses Textes gefragt habe, was der Chor für sie bedeutet, hörte ich oft: «Der SJC ist für mich ein zweites Zuhause – wie eine grosse Familie, die auf hohem Niveau musiziert. Man wird unglaublich herzlich und offen aufgenommen!»
Nun sollten wir aber doch mit den Proben beginnen. Unser Repertoire umfasst Musik aus verschiedenen Epochen und Regionen, darunter Werke von Johannes Brahms, Frank Martin und dem Schweizer Komponisten Cyrill Schürch. Diese Vielseitigkeit spiegelt sich auch in unserem Chor wider. Neben der Tatsache, dass wir aus unterschiedlichen Regionen kommen, haben wir auch sehr verschiedene berufliche Hintergründe: Einige studieren Musik, Gesang oder ein Instrument, aber mehr als die Hälfte von uns ist in ganz anderen Bereichen tätig. Naturwissenschaften sind ebenso vertreten wie Kolleg*innen aus dem Sozialwesen und der Pflege. Unser jüngstes Mitglied hat Jahrgang 2006, unser ältester Sänger Jahrgang 1997 – beide jung, aber doch aus zwei verschiedenen Jahrhunderten. Die Vielfalt unserer Sprachen und Herkunft habe ich ja bereits erwähnt. Gerade hatten wir einen kleinen Einschub zur richtigen Aussprache von unseren Freiburger*innen: Ce n’est pas «Le plus humble», mais «Le plushumble».
Zum Mittagessen sitzen wir alle zusammen. Es gibt Spaghetti mit Tomatensauce, und bei einem Kaffee lässt es sich entspannt plaudern. Am Nachmittag geht es dann intensiv weiter mit den Proben. Es gibt immer verschiedene Phasen – manchmal läuft es hervorragend, manchmal etwas holpriger. Es ist beeindruckend, wie schnell wir Stücke zusammenfügen, die stilistischen Wünsche unseres Chorleiters Nic flexibel umsetzen und mit Begeisterung und Präzision arbeiten. Das müssen wir auch, denn ohne diese Disziplin wäre es nicht möglich, zehn Konzerte im Jahr zu geben, obwohl wir uns nur etwa einmal im Monat sehen, Konzerte eingeschlossen. Die ersten Stücke laufen wunderbar, doch dann kommt die Messe von Martin, und wir kämpfen. Die Müdigkeit setzt ein, die Intonation stimmt nicht, und alle Versuche, daran zu arbeiten, scheitern. Wieder und wieder müssen wir dieselben Passagen üben. Bis Nic die Idee hat: «Setzt euch um, mischt alle Stimmen.» Nun sitzt ein Tenor links von mir, rechts eine Altistin, und ich vertrete den Sopran. Und plötzlich funktioniert es wieder da, wir uns nun besser hören und fokussierter sind! Glücklich und erleichtert können wir die Messe von Martin zu Ende proben.
Man könnte denken, dass nach den Proben Schluss mit dem Singen ist – aber nicht für uns. Oft singen wir auch noch im Zug. Es ist immer spannend, die Reaktionen der Mitreisenden zu beobachten: Einige geniessen es sichtlich, andere hätten vielleicht lieber ihre Ruhe. Viele schauen erst verwirrt, nehmen dann ihre Noise-Cancelling-AirPods aus den Ohren und schmunzeln. Das Probewochenende ist für mich erst wirklich abgeschlossen, wenn ich zu Hause auf dem Sofa sitze und die noch ungelesenen Nachrichten im Gruppenchat lese. «Kann quelqu’un mir meinen Apple Pen mitnehmen? Ich habe ihn dans la salle vergessen», und ganz zum Schluss: «C’était très schön mit euch. Merci!»
Dea Müller, Sopran 1