Daniel Knecht ist Leiter der PreCollege-Ausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste. Gemeinsam mit ihrem PreCollege-Orchester führt der Schweizer Jugendchor im Oktober 2023 Beethovens neunte Sinfonie auf.
Wir haben mit ihm über sein Orchester und ihre Ausbildung gesprochen.
Herr Knecht, wie wird man Leiter des PreColleges?
Ich habe ursprünglich Musik studiert, seither auch sehr viel anderes gemacht – unter anderem war ich fast zehn Jahre lang Konservatoriums-Direktor – und bin 2014 an die ZHdK gekommen mit dem Auftrag, das PreCollege aufzubauen.
Was ist das PreCollege genau?
Das ist eine so genannte «Musikalische Vorhochschulausbildung» mit dem Ziel, die recht hohen Hürden, die ein Eintritt in die Musikhochschule mit sich bringt, ein wenig zu entschärfen. Im Ausland hat das schon länger Tradition, ist aber sehr unterschiedlich aufgebaut, es gibt also nicht eine Schablone, die man abpausen könnte. Die Teilnehmenden unseres Programms bekommen an der ZHdK den Status «Jungstudierende».
Und wie wird man Jungstudierende*r?
Es gibt ein Aufnahmeverfahren, bei dem wir abklären, ob wir der Person die intellektuellen und technischen Fähigkeiten zutrauen, innerhalb eines Jahres die für die Prüfung nötigen Fähigkeiten zu erwerben – und wir betrachten natürlich auch die künstlerischen Voraussetzungen. Es gibt aber auch Leute, die zwei oder drei Jahre hier sind, weil beispielsweise die künstlerischen Fähigkeiten bereits auf einem sehr guten Weg sind – aber welche daneben noch in die Schule gehen und dort ihren Abschluss machen. Wir haben aber keine Hochbegabtenabteilung, dafür sind wir im PreCollege nicht zuständig.
Wie viele Leute sind hier an der ZHdK im PreCollege?
Wir haben 15 Kantone vertreten, aus denen die jungen Leute hierherkommen und sich zum Teil unter der Woche, vor allem aber am Wochenende hier sehen und austauschen. Das Modell hat sich seit 2014 sehr bewährt, die Nachfrage ist sehr hoch, wir haben pro Jahr etwa 120 Eignungsabklärungen. Das Alter bewegt sich zwischen 16 und etwa 24 Jahren, wir haben auch Leute hier, die bereits eine andere Erstausbildung, beispielsweise an der PH, gemacht haben. Wir haben am Ende jeweils etwa 45 Leute, die diese Ausbildung machen.
45 Leute geben aber noch kein Orchester, oder?
Nein, in der Tat nicht. Die 45 Leute verteilen sich auch auf alle Sparten, wir haben sowohl Klassik als auch Jazz, Pop, Kirchenmusik, Komposition und Musik und Bewegung. Wir haben etwa 55 Module, und eines davon heisst «Ensemble- und Orchesterausbildung». In dieses schicken wir unsere knapp 20 instrumentalen Klassik-Studierenden. Darüber hinaus ergänzen wir diese Jungstudierenden mit Leuten aus dem regulären Bachelor- oder Masterstudium.
Das PreCollege-Orchester besteht also nur etwa zur Hälfte aus PreCollege-Student*innen.
Genau. Wir sehen dahinter durchaus einen pädagogischen Sinn, wir setzen nie zwei Jungstudierende nebeneinander, sondern sie bekommen immer jemanden neben sich, der bereits mehr Erfahrung hat und ihnen Tipps geben kann. Die Studierenden machen es auch gern, wir bekommen immer sehr viele Anfragen von den Studierenden, wenn wir die Projekte ausschreiben.
Im Herbst machen wir Beethovens Neunte – wie kam es zur Wahl?
Wir haben 2016 mit dem ersten Konzert begonnen und haben ein breit gefächertes Programm gemacht: Barockkonzerte, Klavierkonzerte, Haydn-Sinfonien und so weiter, sogar Uraufführungen und Kompositionen von Studierenden der ZHdK. Das Leitmotiv war aber von Anfang an: Wir machen alle Beethoven-Sinfonien. Wir wollten sie aber nicht chronologisch oder am Stück machen, wir haben sie auch mit verschiedenen Dirigent*innen gemacht, wir haben sie stets immer als Kern dieses Projektes gesehen. Und Beethovens Neunte ist jetzt die letzte – und mein eigenes letztes Projekt, danach werde ich pensioniert.
Trifft sich dieses Orchester regelmässig?
Nein, wir proben auf Projektbasis und haben zwei bis drei Projekte pro Jahr. Wir wollen natürlich nicht einfach Visitenkarten produzieren, im Zentrum jeder pädagogischen Ausbildung steht bei uns schlicht die Ausbildung selbst. Wir schauen also, dass wir immer gute Dirigent*innen haben, die auch gute Beziehungen zu den Jugendlichen haben und vermitteln können, wie man professionell probt. Das Konzert ist in diesem Sinne die Schlussveranstaltung dieser Probesession.
Das Motto ist also «der Weg ist das Ziel».
Richtig. Das wird auch im Herbst der Fall sein, wir legen sehr viel Wert darauf, den Jungstudierenden klar zu vermitteln, wie sie sich vorzubereiten haben, wie sie zu proben haben und was sie vorbereitet haben müssen vor der ersten Probe.
Und ab der ersten Probe, wie viel Probeaufwand steckt da dahinter?
Wir proben zwei Tage lang in Registern, also Streicher und Bläser separat, und dann haben wir drei Tage Tuttiproben, aber wir proben nie länger als fünf Stunden. Am vierten Tag kommt dann der Chor dazu, später auch noch die Solist*innen. Die totale Probebelastung vor Ort wird also bei etwa 44 Stunden bis zum Konzert liegen. Wie viel die einzelnen Instrumentalist*innen üben, ist natürlich aber unterschiedlich, die einen spielen bereits hervorragend ab Blatt und haben einen schnelleren Zugang zum Repertoire, andere müssen da deutlich mehr investieren. Wir erwarten auch von unseren Studierenden, dass sie sich über das Werk und den Komponisten einlesen, damit sie wissen, worum es sich handelt. Was ist speziell, was ist historisch darum herum passiert? Wir wollen, dass sie auch einen aussermusikalischen Bezug haben.
Wie seid ihr auf den Schweizer Jugendchor gekommen?
Daniel Rimensberger, der Geschäftsführer des Schweizer Jugendchors, und ich kennen uns schon lange und deshalb lag eine Anfrage an den SJC sehr nahe. Der definitive Entscheid fiel vor etwa einem Jahr, und ich freue mich sehr auf den Schweizer Jugendchor, den Dirigenten Marc Kissóczy und die Solist*innen, die alle bei uns Dozieren. Der Schweizer Jugendchor ist ein Juwel der Chorszene der Schweiz, und ich freue mich sehr auf diese Zusammenarbeit – er ist der erste Partner, den wir haben werden. Marc Kissóczy war bei den Aufnahmen im Frühling auf der Klosterinsel Rheinau dabei und hat mir danach sehr begeistert davon erzählt.
Was erwartet ihr vom Schweizer Jugendchor?
Der Schweizer Jugendchor ist unser erster Partner. Wir haben keine Erwartungen ausser der Hoffnung, dass wir uns aufeinander verlassen können und etwas Schönes gemeinsam erschaffen können.
Anna-Barbara Winzeler, Sopran 2