Mit dem «Magnificat» von Carl Philipp Emanuel Bach, einem Sohn Johann Sebastian Bachs, wird der Schweizer Jugendchor diesen Herbst ein bedeutendes Vokalwerk des 18. Jahrhunderts zur Aufführung bringen. Doch was steckt eigentlich hinter dem dabei erklingenden Text?
Im Mittelpunkt der Geschichte, aus der das Jubellied «Magnificat» stammt, steht ein junges Mädchen. Sie heisst Maria, ist liiert, jedoch unverheiratet, ist durch ihre Erziehung vertraut mit den Geschichten der hebräischen Bibel, lebt aber am Rande der Gesellschaft in einem kleinen jüdischen Handwerkerdorf. Ausgerechnet ihr begegnet, so erzählt es das Lukas-Evangelium, ein Engel und verkündet, dass sie bald schwanger sein werde. Der Sohn, den sie gebären werde, sei der «Messias», Jesus, also derjenige, der laut den Prophezeiungen in der hebräischen Bibel das Volk Israel befreien soll. Mutig und vertrauensvoll erklärt sich Maria bereit, sich dieser Aufgabe zu stellen. Sie realisiert, welche Rolle ihr, dem jungen, scheinbar bedeutungslosen Mädchen, hier als Mutter dieses «Messias’» zugetraut wird. Voller Freude darüber macht sie sich auf den Weg zu ihrer älteren Verwandten Elisabeth.
Dieser ist nämlich einige Monate zuvor Ähnliches widerfahren. Eigentlich war Elisabeth bereits nicht mehr im gebärfähigen Alter, kinderlos, und deshalb gesellschaftlich verspottet. Doch da erscheint ihrem Mann Zacharias im Tempel ein Engel, der ihnen ein Kind mit entscheidender Rolle für das israelitische Volk verspricht, woraufhin Elisabeth schwanger wird. Ihr Sohn wird der spätere Johannes der Täufer, der unter anderem Jesus taufen wird.
Als Maria bei der hochschwangeren Elisabeth ankommt, begrüsst diese sie mit dem bis heute überlieferten «Ave Maria». Maria ihrerseits verschafft ihrer übersprudelnden Freude über die erfahrenen Neuigkeiten Luft, indem sie Zitate aus der hebräischen Bibel zu Hilfe nimmt, um ihren Gefühle in Worte zu fassen. Dabei lauten die ersten Worte dieses Jubels auf Lateinisch übersetzt: «Magnificat anima mea Dominum» (dt: «Meine Seele lobet den Herrn»). Sie werden namensgebend für den ganzen danach folgenden Liedtext, das «Magnificat»:
Meine Seele lobt Gott und mein Geist jubelt über Gott, die mich rettet.
Sie hat auf die Erniedrigung ihrer Sklavin geschaut.
Seht, von nun an werden mich alle Generationen glücklich preisen, denn Grosses hat die göttliche Macht an mir getan, und heilig ist ihr Name.
Ihr Erbarmen schenkt sie von Generation zu Generation denen,
die Ehrfurcht vor ihr haben.
Sie hat Gewaltiges bewirkt.
Mit ihrem Arm hat sie die auseinander getrieben,
die ihr Herz darauf gerichtet haben, sich über andere zu erheben.
Sie hat Mächtige von den Thronen gestürzt und Erniedrigte erhöht.
Hungernde hat sie mit Gutem gefüllt und Reiche leer weggeschickt.
Sie hat sich Israels, ihres Sklavenkindes, angenommen und sich an ihre Barmherzigkeit erinnert, wie sie es unseren Vorfahren zugesagt hatte,
Sara und Abraham und ihren Nachkommen für alle Zeit.
(Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh, 2006, Luk. 1, 46-55)
In den Zeilen sowie auch in der Entstehungsgeschichte dieses Marienliedes steckt jedoch nicht nur eine religiöse Botschaft. Der randständigen Maria und der verspotteten Elisabeth wird Würde und Relevanz zugesprochen. Maria realisiert, dass sie als junge Frau eine Rolle spielt, dass ihr Leben einen Unterschied macht. Und sieht sich gleichzeitig eingebettet in die Erfahrungen von Menschen vergangener und kommender Generationen. Elisabeth entkommt zu einem Zeitpunkt dem Spott der Gesellschaft, zu dem nicht einmal mehr sie selbst daran geglaubt hätte, dass sich an ihrer Stellung je noch etwas verändern wird. Auch sie findet sich plötzlich in einer neuen Rolle wieder und ist bereit, diese auch zu leben.
Die neu erfahrene Würde setzt bei der jungen Maria eine unglaubliche Kraft und Begeisterung frei. Oder wie es der 1945 im Konzentrationslager verstorbene Theologe Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht...“ 1
Lassen auch Sie sich an einem der kommenden Konzerte von dieser Begeisterung und Leidenschaft anstecken. Im Rahmen der Bachwochen Thun wird der Schweizer Jugendchor zusammen mit dem Orchester Le Phénix Carl Philipp Emanuel Bachs Vertonung des «Magnificat»-Textes zum Klingen bringen. Die drei Konzerte finden am 10., 16. sowie 17. September in Thun, Schaffhausen und Flims statt. Weitere Informationen dazu finden Sie unter Konzerte.
Selina Matile, Alt 2
1 Zitat in: Hartmut Handt, Armin Jetter: Voller Freude. Liedandachten zu den Sonntagen und Festen des Kirchenjahres (= Strube Edition. 9044). Strube, München 2004, ISBN 3-89912-071-X, S. 20.